
Von Volker Hasenauer (KNA)
Mit zwei Hungerstreiks trotzte er der brasilianischen Regierung einen vorübergehenden Baustopp eines ökologisch fragwürdigen Wasserumleitungsprojekts ab. Bischof Luiz Cappio (62) ist einer der bekanntesten Umweltaktivisten seines Landes und kämpft für die Rechte sozial benachteiligter Gruppen. Vor der Verleihung des Kant-Weltbürgerpreises am Samstag in Freiburg zieht der Bischof im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) eine Bilanz seiner Arbeit und ruft Deutschland zur Unterstützung auf, etwa im Kampf gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen bei der Biokraftstoff-Erzeugung.
KNA: Herr Bischof, das umstrittene Wasser-Projekt am Rio Sao Francisco wird nun doch weiter gebaut - waren Ihre Hungerstreikproteste also letztlich umsonst?
Bischof Luiz Cappio: Nein auf keinen Fall, der Widerstand hat sich gelohnt. Schon weil der Protest, der ja nicht nur von mir ausging, sondern von einer ganzen Bewegung getragen wurde, international für Aufsehen sorgte. Die unter dem größenwahnsinnigen Projekt leidende Bevölkerung hat eine Stimme erhalten. Aber gleichzeitig konnten wir nicht verhindern, dass der Bau der zwei Beton-Wasserleitungen weitergeht, derzeit vor allem unter Leitung des Militärs.
KNA: Wer profitiert - und wer leidet unter der Wasserumleitung?
Cappio: Gewinner sind eindeutig die großen Firmen der Agro-Industrie und die Großgrundbesitzer, die Monokulturen mit dem abgezweigten Wasser betreiben wollen. Oder auch die enorme Mengen Wasser verbrauchende Garnelenzucht. Schon jetzt leidet die arme Bevölkerung unter den Bauarbeiten. Und die Versprechungen der Regierung, am Zielpunkt der Umleitung eine ganze Region vor Dürre zu retten, sind Lügen. Es sind nur zwei Pipelines geplant, das Wasser soll gar nicht an die unter Trockenheit leidende Bevölkerung auf dem Land verteilt werden.
KNA: In Deutschland gilt Brasilien als aufstrebendes Schwellenland mit großem Wirtschaftswachstum. Profitieren nicht auch breite Bevölkerungsschichten von dieser Entwicklung?
Cappio: Nein, das ist nicht der Fall. Im Gegenteil hat das Wachsen der Wirtschaft noch katastrophale Folgen für die armen Bevölkerungsschichten. Die brasilianische Regierung kennt den Begriff der Nachhaltigkeit nicht. Auf Umwelt oder Rechte von Kleinbauern oder Landlosen wird keine Rücksicht genommen. Es geht um Wachstum ohne Rücksicht auf Verluste.
KNA: Woran machen Sie das fest?
Cappio: Denken Sie beispielsweise an den Boom der Bioethanol-Herstellung. Ich halte es für sehr wichtig, dass wir neue, regenerative Energieformen finden. Aber die Gewinnung von Biotreibstoffen aus Zuckerrohr hat in Brasilien schlimme Folgen.
Statt Grundnahrungsmitteln werden auf immer mehr Flächen Pflanzen für die Agrotreibstoff-Produktion angepflanzt. Das gefährdet die Nahrungsmittelversorgung der Menschen vor Ort. Und die Arbeiter, die das Zuckerrohr schneiden, werden unter sklaverei-ähnlichen Bedingungen ausgebeutet. Es sind Fälle dokumentiert, in denen Männer auf den Feldern bei der Akkordarbeit vor Erschöpfung gestorben sind.
KNA: Wie wollen Sie dies ändern?
Cappio: Hier ist die Rolle der Internationalen Gemeinschaft, der Länder, die den Biosprit kaufen, extrem wichtig. Deutschland sollte genau hinschauen, unter welchen Bedingungen der Bioethanol erzeugt wird. Deutschland muss sicherstellen, dass wegen des importierten Biotreibstoffs für Autos in Brasilien keine Menschen hungern. In meiner Heimat gibt es eine Reihe von Gruppen der Zivilgesellschaft, die diese Missstände ansprechen. Damit sie Erfolg haben, brauchen sie eine kritische Öffentlichkeit, auch in Deutschland.
KNA: Was heißt das konkret?
Cappio: Um den Umweltschutz und die Geltung der Rechte der Armen in den Ländern des Südens voranzubringen, brauchen wir internationalen Druck auf mehreren Ebenen. Die deutsche Zivilgesellschaft sollte sich an unseren Aktionen beteiligen. Zum Beispiel hat in dieser Woche in der Hauptstadt Brasilia ein Protestcamp von 1.000 Indigenen-Vertretern begonnen, die mehr Rechte und Mitsprache einfordern. Diese Leute brauchen internationale Solidarität, das kann etwas bewegen. Zum anderen müsste es von staatlicher Seite mehr Druck auf unsere Regierung geben, die unterzeichneten Abkommen und Gesetze - etwa bei Umweltschutz oder Minderheitenrechten - auch wirklich umzusetzen. Und eines ist in der jetzigen Weltwirtschaftskrise zentral: Es darf keine Scheinlösungen für ein schnelles Wirtschaftswachstum auf Kosten von Ökologie und Bevölkerung geben, sondern wir brauchen eine neue, nachhaltige Wirtschaft, die auf der globalen Achtung der Menschenwürde gründet.
KNA: Sie sind zum ersten Mal in Deutschland, um über soziale und ökologische Protestbewegungen in Brasilien zu informieren. Aber auch, um am Samstag in Freiburg den Kant-Weltbürgerpreis zu erhalten. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Cappio: Dieser Preis ist das sichtbare Zeichen, dass sich der Widerstand gegen Umweltzerstörung und die Ausbeutung von Indigenen und sozial Benachteiligten in Brasilien lohnt. Nicht ich werde ausgezeichnet, sondern die entstandenen sozialen Bewegungen. Genauso wie die Wirtschaftskreisläufe und -wechselwirkungen international sind, so müssen sich auch die Umweltbewegungen über Grenzen hinweg zusammenschließen. Dass dies gelingen kann, zeigt der Preis. Ich wünschte nur, dass unser Engagement in ähnlicher Weise auch in Brasilien anerkannt würde.
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